Vom 16. November bis zum 31. Dezember 2012

HUMUS

Mein Vater war im Sternzeichen Fische, aber er liebte die Erde. Die Erde betrachten und dabei ihre Endlichkeit wahrnehmen führt zur Utopie. Wer und was wird nicht zerbrechen, ersticken, im Nichts verschwinden? Ein Fisch nimmt die Erde mit dem Bewusstsein wahr, dass die Tage gezählt sind, er fühlt stets, dass das kontemplative Leben nicht von Dauer sein kann.

Ersticken, verschwinden, von der Welt verschluckt werden … ein Künstler kann nur für bestimmte Zeit Künstler sein, seine Existenz ist ein Kampf gegen die Demütigung durch entfremdete Arbeit, gegen die Welt und die Arbeit, die das Objekt – die Natur – nicht weniger als das Subjekt zerstören. In den dreissig Jahren, die uns von den Bildern trennen, an die ich hier denke, ist etwas immer klarer geworden: Die entfremdete Arbeit zerstört nicht nur die Natur ausserhalb von uns, sondern gleichzeitig auch unsere innere Natur.

Das Signal des Endes ertönt für die einzelne Wiese und das einzelne Feld ebenso wie für jeden Einzelnen von uns, für unser einzelnes Herz. Man hat im Zusammenhang mit diesen Bildern nicht zu Unrecht von Ökologie, von Umweltschutz gesprochen, aber vielleicht sollte man anfügen, dass mehr denn je gilt, dass «draussen auch drinnen ist».

Die Verbannung der Natur aus der Welt bedeutet letztlich auch die Verbannung des Menschen, seiner künstlerischen Empfindsamkeit, seines schwachen, irdischen Körpers aus der Welt. Einer alten etymologischen Hypothese zufolge heisst der Mensch homo, weil er aus humus gemacht ist.

Aus der immateriellen verwalteten Welt werden daher, nicht weniger als jede materische, erdige Farbe, auch der Mensch und das intuitive Wissen oder die Stimmung seines Herzens gelöscht. Damit man im vollständig urbanisierten Raum überleben kann, braucht es deshalb ausserhalb von uns und in uns Prothesen, Klemmen, Gazen, Pflaster, Flickarbeiten, Spuren und Zeichen… Selbstporträts in Form verwundeter Natur, zerbrochener Gefässe, einfach Scherben, irgendwie aufgehäuft und provisorisch gerettet.

Auch wenn ich es mir ungern eingestehe, ist mir jetzt klar, dass diese Bilder meines Vaters tatsächlich auch Selbstporträts sind, Selbstporträts in Form verletzter, gedemütigter Natur… Und zugleich sind diese Werke auch Orte der Wiederkehr der Erde, das Begrabene bewahrende Grabstätten, die – über den und über die Markenmöbel hinaus, über die immer glattere und virtuellere Abstraktion der Ware hinaus – das Negative ins Haus bringen, das formlose Potenzial, den humus einer anderen humanitas, einer anderen, gemilderten Empfindsamkeit, die vielleicht der pietas, der universellen Solidarität fähig ist…

Die eigene künstlerische Natur zu pflegen bedeutet aber auch die Kunst zu pflegen, ihre arme und andersartige Materialität zu pflegen, intuitiv ihre ursprüngliche Verbindung mit einer Techne zu erfassen, die sich als Zusammenarbeit mit der Natur verstand, als handwerkliche Hilfe und Beistand – «verbunden mit natürlichem Element» –, und zwar gerade als Form ihrer poiesis, und nicht als unbegrenzte Ausbeutung, zweckdienliche Abstrahierung und Verwüstung. Es gibt keinen Ursprung ohne Prothese. (Die Erinnerung führt mich auch zum Vater meines Vaters, der sich als Handlungsreisender für eine Likörfirma an der Grenze niedergelassen hatte und einen kleinen speziellen Mechanismus in der Tasche hatte, mit dem er die Liköre, die er zum Lebensunterhalt vorstellen und vertreiben musste, aber gleichtzeitig überhaupt nicht vertrug, heimlich absaugen konnte, statt sie zu trinken.)

Auch deswegen präsentiert sich das «Malen» in diesen Bildern über das Darstellenhinaus fast als Form des Tuns, als Wunsch des Tuns, als Wunsch eines anderen Tuns, eines Tuns, das sich als gegenseitiges Durchdringen und Zusammenfliessen mit der Natur versteht – poetisch, erotisch, aber zugleich voller Gram, ohne jede allzu einfache und tröstliche Versöhnung und vollkommene Harmonie. Zu einer solchen Kontemplation-Pflege der Erde scheint es im Übrigen nur kommen zu können, wenn man sich von der Welt isoliert, sich in gläserne Kästen einschliesst, um abzusaugen, um das Vakuum des Schreins zu suchen. Auch in diesem Fall ist das Bild Fenster, aber ein Fenster, das im Gegensatz zum albertinischen aus der Welt absaugt und vielleicht auf die Utopie des Ateliers als Ort eines anderen Tuns und eines anderen Seins verweist – als Ort eines ernsthaften und lebensnotwendigen Spiels, in dem der verletzte Mensch immer wieder zu handeln versucht, sich neu anzufangen versucht, die unsichere Materie seiner armseligen Urmatrix ohne jede Emphase unter trockene Erde, Sand, Asche und die Farbe des Schlamms zu mischen versucht: «Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.» Von der Herrschaft des Bauens-Zerstörens zum dunklen Fortdauern der Erde, vom Zerbrechen der geteilten Person zum provisorisch wiederhergestellten, vernarbten Ich… reife Prothese für eine Utopie in der Welt der unaufhörlichen Zerstörung, oder schlichte, zarte Utopie des Überlebens.

Doch wie einem strandenden Wal gelingt es dem fremden Flugzeug schliesslich, sein Wrack in der Welt, auf der Welt, gegen die Welt hinzustellen – das Bild neigt schliesslich dazu, sich zu spatialisieren, die Erinnerung des Anderen über den Rahmen hinaus zu tragen. Selbstporträts in Form verletzter Erde und zerbrochener Wracks – letztlich, jenseits der Nachhaltigkeit, eine Kritik an derUnerträglichkeit einer glatten Welt. Für fliegende Fische gibt es nur Notlandungen, und zudem braucht es Sandpisten und Glashauspisten, um das Anderswo zu suchen und zu kultivieren…

Nicola Emery

BIOGRAPHIE
Sergio Emery wurde am 4. März 1928 in Chiasso geboren und starb am 5. Juni 2003 in Gentilino.
Seine Berufung zur Kunst manifestierte sich schon früh, später schloss er Studien an der Kunstgewerbeschule in Zürich und der Accademia Cimabue in Mailand ab. Unmittelbar nach dem Krieg war er längere Zeit in Venedig und Paris, wobei er, zwischen Berufung und anderen Berufen hin und her wechselnd, seiner experimentierfreudigen Natur stets treu zu bleiben vermochte, oft in für den lokalen Kontext irregulären Positionen. Die zahlreichen Einzel- und Kollektivausstellungen in der Schweiz und im Ausland dokumentierten seine unabhängige Laufbahn als Kunstmaler.

Sergio Emery nell'atelier